Grundlagen der Quantenphysik
Übersicht
Auf einen Blick
Schlüsselbegriffe: Quantenzustand, quantenmechanischer Messprozess, Quantenverschränkung
Fächer: Physik
Alter: 16 – 19 Jahre
Erforderliche Kenntnisse/Fähigkeiten: Die Schüler*innen sollten mit einfachen Wellenphänomenen, insbesondere mit Interferenz vertraut sein. Zur Auffrischung haben wir eine separate Datei zusammengestellt: Hier können Sie ,,Eine kurze Zusammenfassung zur Interferenz von Wellen“ als docx und PDF herunterladen.
Zeitrahmen: 45 Minuten
Autor: Aleksandr Sorokin (LV)
Material
- Projektor – für die Folien
- Verschiedene Spielwürfel (W6, W12, W20) – für die zweite Aktivität
Aufgaben für Lehrkräfte
- Interaktiver Vortrag auf Grundlage der Folien (25 Minuten)
- Hier können Sie die PowerPoint-Präsentation „Grundlagen der Quantenphysik“ als PPT und PDF herunterladen.
- Die Schüler*innen bearbeiten die Aufgaben auf dem Arbeitsblatt „Einführung in die Quantenphysik“. Hier können Sie das Arbeitsblatt als docx und PDF herunterladen.
- Beaufsichtigung der Arbeit der Schüler*innen, bei Bedarf Unterstützung
Aufgaben für Schüler*innen
- Aktive Teilnahme am Vortrag
- Die erste Aktivität (Aufgaben „Zustände und Messungen“) allein durchführen, zu zweit diskutieren (10 Minuten)
- Die zweite Aktivität („Eine Messung modellieren“) zu zweit durchführen (10 Minuten)
Klassisch lässt sich Licht als Welle beschreiben: Ein Lichtstrahl kann von einer Oberfläche reflektiert werden, beim Übergang von einem Medium in ein anderes gebrochen werden, um Hindernisse herum gebeugt werden und mit einem anderen Lichtstrahl interferieren. Allerdings lassen sich bestimmte Phänomene, wie die Schwarzkörperstrahlung oder der photoelektrische Effekt, mit dem Wellenmodell nicht erklären. Im Jahr 1900 stellte der deutsche Physiker Max Planck eine revolutionäre Idee vor, wonach das Problem der Schwarzkörperstrahlung gelöst werden kann, wenn man Licht als einen Fluss von Teilchen (Photonen) betrachtet, die feste winzige Energiemengen (Quanten) transportieren. Damit begründete er ein völlig neues Gebiet, die Quantenphysik. Die Vorstellung, dass sich Licht in verschiedenen Experimenten entweder wie eine Welle oder wie ein Teilchenfluss verhalten kann, wird als Welle-Teilchen-Dualismus bezeichnet. Wie sich später herausstellte, gilt diese Dualität für alle Materie, lässt sich jedoch am besten bei Objekten subatomarer Größe wie Elementarteilchen beobachten. Die Tatsache, dass sich dasselbe Objekt je nach Situation unterschiedlich manifestiert, mag paradox erscheinen. Betrachten wir es also einmal abstrakter: Ein Objekt ist eine Einheit, die mathematisch durch einen Quantenzustand (oder eine Wellenfunktion) beschrieben werden kann, sodass bestimmte mathematische Operationen auf den Zustand das Verhalten des Objekts bestimmen.
Doppelspaltexperiment
Doppelspaltexperiment
Ein klassisches Experiment, das die Welleneigenschaften des Lichts demonstriert, ist das Doppelspaltexperiment, das der britische Physiker Thomas Young im Jahr 1801 durchführte. In diesem Experiment beleuchtet monochromatisches („einfarbiges“) Licht zwei schmale parallele Spalte, und auf dem Beobachtungsschirm hinter den Spalten entsteht ein Muster aus hellen und dunklen Streifen (Interferenzstreifen).
Wenn wir die beleuchteten Spalte von dem Schirm aus betrachten, sehen wir nicht die ursprüngliche Lichtquelle, vielmehr erscheinen die Spalte selbst als Lichtquellen. Jede dieser Quellen sendet Lichtwellen aus, die sich, von verschiedenen Punkten auf dem Schirm aus betrachtet, entweder konstruktiv (zu einer höheren Lichtintensität) oder destruktiv (zu einer geringeren Lichtintensität) überlagern (interferieren). So entsteht das Streifenmuster.
Nehmen wir nun an, dass wir im Doppelspaltexperiment die Intensität des einfallenden Lichtstrahls allmählich verringern. Es ist nicht schwer zu erraten, dass die Intensität des Streifenmusters auf dem Bildschirm abnehmen wird, während die Positionen und Breiten der Streifen gleichbleiben. Was passiert jedoch, wenn die Intensität so gering ist, dass der „Strahl“ aus quantenmechanischer Sicht nur wenige einzelne Photonen pro Sekunde enthält? Intuitiv könnte man vermuten, dass ein Photon entweder durch den einen oder den anderen Spalt hindurchgeht und entweder direkt gegenüber von dem einen oder dem anderen Spalt auf den Schirm trifft. Die Realität sieht aber etwas anders aus. Obwohl einzelne Photonen tatsächlich an bestimmten Punkten auf den Schirm treffen (und sich in dieser Hinsicht wie Teilchen verhalten), stellt sich heraus, dass diese Punkte praktisch überall auf dem Schirm liegen können. Die Wahrscheinlichkeit, ein Photon an einem bestimmten Punkt nachzuweisen, ist dort am größten, wo ein stärkerer Lichtstrahl einen hellen Streifen bilden würde, und nahe null dort, wo sich bei einem stärkeren Lichtstrahl ein dunkler Streifen befinden würde (siehe Abbildung 1). Somit behält ein einzelnes Photon sowohl seine Teilchen- als auch seine Welleneigenschaften.
Abb. 1: Einzelne Photonen, die im Doppelspaltexperiment auf dem Schirm detektiert wurden (oben), und das Histogramm der Anzahl der detektierten Photonen als Funktion der Position auf dem Schirm (unten).
Anmerkung zur Abb. 1: Das Experiment lässt sich in der Schule durchführen, wenn die erforderlichen Geräte verfügbar sind.10 Minuten
Der Welle-Teilchen-Dualismus wurde ursprünglich als eine einzigartige Eigenschaft des Lichts angesehen. Aber betrachten wir es einmal so: Wenn Licht, das sich klassisch wie eine Welle verhält, sich in bestimmten Experimenten wie ein Teilchen verhalten kann, könnte es dann nicht auch umgekehrt sein? Könnte sich ein Teilchen in manchen Experimenten nicht auch wie eine Welle verhalten? Diese Idee wurde 1924 in der Doktorarbeit des französischen Physikers Louis de Broglie theoretisch untersucht. Er führte den Begriff der Materiewellen ein und legte damit nahe, dass alle Materie Welleneigenschaften hat. Nach drei Jahren wurde ein eindeutiger experimenteller Beweis für de Broglies Hypothese gefunden: Es wurde gezeigt, dass Elektronen an einem Kristall wie Wellen gebeugt werden können.
Zustände und Messung
Im folgenden Abschnitt werden zwei grundlegende Konzepte vorgestellt: der Begriff des Zustands und die Rolle der Messung. Diese Erläuterungen vermitteln das grundlegende Verständnis, das erforderlich ist, um zu begreifen, wie sich Quantensysteme verhalten und wie Beobachtungen sie beeinflussen.
Ein System, egal wie groß oder klein es ist, kann sich in einem von mehreren (möglicherweise unendlich vielen) Zuständen befinden. Nehmen wir das vorherige Beispiel eines Doppelspaltexperiments mit einzelnen Photonen. Nachdem das Photon (als Teilchen) die andere Seite der Blende mit den beiden Spalten erreicht hat, befindet es sich in einem der beiden Zustände – oder [1]– je nachdem, durch welchen Spalt (0 oder 1) es hindurchgegangen ist. Klassisch gesehen befindet sich das Photon immer ausschließlich in einem der beiden Zustände oder (die als Basiszustände bezeichnet werden), aber die quantenmechanische Beschreibung erlaubt es uns, die beiden Zustände auch zu überlagern. Der tatsächliche quantenmechanische Zustand des Photons nach dem Durchgang durch die Spalte ist somit die Superposition (das heißt die Überlagerung) der Zustände und und wird geschrieben als , wobei und Zahlen sind, die mit der Wahrscheinlichkeit zusammenhängen, das Photon im entsprechenden Zustand zu finden. Genauer gesagt beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass das Photon durch den Spalt 0 gegangen ist, und die Wahrscheinlichkeit, dass es durch den Spalt 1 gegangen ist, . Da das Photon durch einen der beiden Spalte gegangen sein muss, gilt .
Photonen sind nicht die einzigen Teilchen, die sich in einer Überlagerung von Zuständen befinden können. So gut wie jedes Objekt – sei es so klein wie ein Elektron oder so groß wie das gesamte Universum – hat diese Eigenschaft. Bei makroskopischen Systemen ist es jedoch nahezu unmöglich, zwischen verschiedenen Zuständen zu unterscheiden, sodass Quanteneffekte am besten bei mikroskopischen Objekten beobachtet werden können.
In einer klassischen Welt können wir die Größe eines Systems (z. B. die Länge eines Tisches) so oft messen, wie wir möchten, ohne dass der Messvorgang den Zustand des Systems beeinflusst. In einer Quantenwelt sieht es jedoch anders aus.
Das Ergebnis (oder der Ausgang) der Messung ist eine Zahl (ggf. mit Einheiten), die einem der Basiszustände entspricht. Im vorigen Beispiel waren und zwei Basiszustände, und die entsprechenden Ergebnisse hätten beispielsweise 0 (das Photon ist durch den Spalt 0 gegangen) und 1 (das Photon ist durch den Spalt 1 gegangen) sein können. Im Verlauf der Messung geht jede Unsicherheit verloren. Angenommen, das Ergebnis der Messung ist 1. Das bedeutet, dass unmittelbar nach der Messung eine Wahrscheinlichkeit von 100% besteht, dass sich das System im Zustand befindet, und eine Wahrscheinlichkeit von 0%, dass es sich im Zustand befindet. Das würde jedoch bedeuten, dass sich der Zustand des Systems von zu verändert hat. Wir können sagen, dass der ursprüngliche Zustand zerstört wurde: Jede Messung an einem Quantensystem ist destruktiv.
Es gibt da also ein großes Problem. Angenommen, das System befindet sich im Zustand . Um die Werte der Koeffizienten und herauszufinden, sollten mehrere Messungen am System vorgenommen werden. Auf diese Weise erhält man eine Statistik. Das Problem hierbei ist jedoch, dass man das System nicht mehrmals zerstörungsfrei messen kann, da jede Messung und verändert. Dieses Problem lässt sich, zumindest teilweise, auf verschiedene Weise lösen. Die einfachste besteht darin, mehrere identische Kopien des Systems anzufertigen (je mehr, desto besser) und diese dann unabhängig voneinander zu messen. Die relative Häufigkeit jedes Ergebnisses (0 oder 1) kann dann als Schätzung für die Quadrate der entsprechenden Koeffizienten ( oder ) herangezogen werden. Die physikalische Umsetzung dieses Vorhabens ist jedoch alles andere als trivial.
Reine und verschränkte Zustände
Angenommen, wir haben zwei Systeme, z. B. zwei Photonen – A und B –, die durch denselben Doppelspalt gegangen sind. Wenn diese Photonen voneinander unabhängig sind, kann jedes von ihnen separat mit seinem eigenen Zustand beschrieben werden, z. B.:
wobei und die Zustände des Photons A sind und und die Zustände des Photons B. Nehmen wir nun an, dass die Photonen A und B nicht unabhängig voneinander sind (oder, anders ausgedrückt, dass sie verschränkt sind). Das bedeutet, dass es eventuell nicht mehr möglich ist, Photon A getrennt von Photon B zu beschreiben. Der verschränkte Zustand des gesamten Zwei‑Photonen‑Systems kann dann wie folgt geschrieben werden:
wobei usw. die Zustände sind, die das gesamte System beschreiben, im Gegensatz zu den Zuständen , usw., die Teile des Systems getrennt beschreiben. Manchmal können zur Vereinfachung der Notation die Indizes A und B weggelassen werden, aber dann muss besonders auf die Reihenfolge geachtet werden. In dieser vereinfachten Notation kann der Zustand des Zwei‑Photonen‑Systems also wie folgt geschrieben werden:
Nehmen wir beispielsweise an, das System bestehend aus den Photonen A und B befindet sich im Zustand . Wenn wir nur das Photon A messen und wissen, dass es durch den Spalt 0 gegangen ist, dann wissen wir sofort, dass das Photon B durch den Spalt 1 gegangen ist – und umgekehrt. Das ist die Idee eines verschränkten Zustands: Auch wenn man nur einen Teil des Systems misst, erhält man zumindest einige Informationen über andere Teile des Systems.
Aufgaben und Aktivitäten
Zustände und Messung
Format: Jede*r Schüler*in für sich, Diskussion zu zweit
Das System wird im Zustand präpariert. Befindet sich das System im Zustand , ist das Ergebnis der Messung . Es wird nun eine Messung am System durchgeführt.
- Kannst du das Ergebnis der Messung bestimmen? Erkläre.
Angenommen, das Ergebnis dieser Messung ist 0. Unmittelbar nach der ersten Messung wird eine weitere Messung durchgeführt.
- Kannst du jetzt das Ergebnis der Messung bestimmen?
Es werden 1000 identische Kopien des ursprünglichen Systems erstellt, und an jeder Kopie wird eine einzige Messung durchgeführt.
- Schätze die Anzahl der Messungen ab, die 0 ergeben, und die Anzahl der Messungen, die 1 ergeben.
- Schätze den Mittelwert eines Messergebnisses ab.
- Die Wahrscheinlichkeit, dass das System im Zustand gemessen wird, beträgt , und die Wahrscheinlichkeit, dass das System im Zustand gemessen wird, . Das Ergebnis der Messung ist somit nicht deterministisch.
- Das Ergebnis der Messung entspricht einem der Basiszustände, in diesem Fall , und der ursprüngliche Zustand des Systems kollabiert zu : Die Wahrscheinlichkeit, dass das System im Zustand gemessen wird, ist , und die Wahrscheinlichkeit, dass das System im Zustand gemessen wird, ist . Das bedeutet, dass in diesem speziellen Fall das Messergebnis deterministisch ist.
- Die Wahrscheinlichkeit, dass das System im Zustand gemessen wird, beträgt , und die Wahrscheinlichkeit, dass das System im Zustand gemessen wird, beträgt [siehe Frage 1]. Das bedeutet, dass ungefähr Mal und ungefähr Mal herauskommen wird.
- Der Mittelwert ist per Definition die Summe der Produkte aus dem Ergebnis und der Wahrscheinlichkeit dieses Ergebnisses. Somit beträgt der Mittelwert des Ergebnisses .
Modellierung einer Messung zur Bestimmung eines Zustands
Format: Arbeit in Zweiergruppen
Material: ein oder mehrere Würfel
Das System wird im Zustand präpariert. Die Messung ergibt 0, wenn sich das System im Zustand befindet, und 1, wenn es sich im Zustand befindet.
- Schüler*in X wählt aus, welche Seiten eines Würfels dem gemessenen Zustand und welche Seiten dem gemessenen Zustand zugeordnet werden.
- Schüler*in Y würfelt und Schüler*in X notiert das Ergebnis der Messung. (20‑mal)
- Nach 20‑mal Würfeln berechnet Schüler*in Y die Wahrscheinlichkeiten für jedes der beiden Ergebnisse. Schüler*in Y soll nun herausfinden, wie viele Würfelseiten Schüler*in X dem Zustand zugeordnet hat und wie viele dem Zustand .
- Diskutiert: Reichen die Daten aus, um die Koeffizienten und eindeutig zu bestimmen? Warum oder warum nicht?
Die Ket-Notation ∣⟩ wird in der Unterrichtseinheit „Matrizen und wie sie im Quantencomputing eingesetzt werden“ eingeführt.
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